Deutsch Intern
Institut für klassische Philologie

Zwei neue Predigten Augustins

Zwei neuentdeckte Predigten Augustins über die „Hexe von Endor“ (1 Sam 28)

2024 ist Christian Tornau und Clemens Weidmann (Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum, Wien) dank einem Hinweis aus dem Klosterverein Bad Doberan die Entdeckung zweier bisher unbekannter Predigten des Augustinus in einer Handschrift der Bischof-Jan-Bernard-Szlaga-Diözesanbibliothek in Pelplin (Polen) gelungen.

Die Handschrift Pelplin 114 (195) stammt aus dem 12. Jahrhundert. Sie enthält vier Augustinus zugeschriebene Predigten sowie die Auslegungen des Hohenlieds von Gregor d. Gr. und Haymo von Auxerre. Zwei der Predigten sind Neuentdeckungen. Ihr Gegenstand ist die biblische Erzählung von der „Hexe von Endor“ (1 Sam 28). Durch eingehende philologische Analyse, u.a. während eines 2025 vom CSEL in Wien durchgeführten internationalen Workshops zum Edieren lateinischer Texte, hat sich die Autorschaft des Augustinus wahrscheinlich machen lassen.

Situation und Inhalt der neuen Predigten sind außergewöhnlich. Das Predigtthema verdankt sich einer Eigenmächtigkeit des Lektors, der das Kapitel 1 Sam 28 im Gottesdienst vortrug, ohne es mit dem Prediger abgesprochen zu haben. Augustinus muss also improvisieren; dies führt zur Aufteilung des Stoffs auf eine Problemanzeige in der ersten und einen Lösungsvorschlag in der zweiten Predigt.

In der Erzählung von der „Hexe von Endor“ in 1 Sam 28 begibt sich Saul, der bereits von Gott verworfen ist, in seiner Verzweiflung zu einer Nekromantin. Diese beschwört für ihn den Geist des Samuel herauf, der Saul seinen bevorstehenden Tod in der Schlacht prophezeit. Für die christlichen Theologen der griechischen und römischen Antike wirft dies Schwierigkeiten auf: Wie ist es möglich, dass über einen Heiligen Gottes wie Samuel mit magischen Mitteln Macht ausgeübt wird – wie verträgt sich das mit Gottes Allmacht und Güte? Zwei Erklärungen wurden erwogen: 1) Nicht der echte Samuel ist erschienen, sondern ein Trugbild; 2) Gott ließ die Beschwörung des echten Samuel um eines höheren Zwecks willen zu. Augustinus kennt und diskutiert beide Optionen; er fällt keine Entscheidung, lässt aber eine Präferenz für die zweite Option erkennen. Bemerkenswert ist seine Überlegung, dass Saul aufgrund der Prophezeiung noch bereut haben und erlöst worden sein könnte, ein Gedanke, der in der antiken christlichen Literatur ohne Parallele ist.

Die neuen Predigten bereichern unsere Kenntnis der Predigttätigkeit Augustins ebenso wie der antiken Auslegungstradition von 1 Sam 28. Christian Tornau bereitet derzeit gemeinsam mit Clemens Weidmann und Dorothea Weber (CSEL, Wien) die Erstedition vor, die im Frühjahr 2027 erscheinen soll.

Link: Bericht im einBlick
Link: Radiobeitrag im Bayerischen Rundfunk